Aktionstage Psychische Gesundheit im Aargau

«Wer nie gelernt hat, etwas anzunehmen, wird ein richtiges Problem bekommen»

Ungeplantes wie ein verregneter Urlaub, eine Krankheit oder ein Schicksalsschlag trüben schnell den Blick für neue Lebensperspektiven. Der Psychologe Andreas Knuf rät, das zu akzeptieren, was ist, um dadurch frische Kraft für neue Chancen zu nutzen.
Andreas Knuf referiert am 21. Oktober 2021 in Aarau.

Wann ist Widerstand schlecht?

Andreas Knuf: Widerstand ist dann schlecht, wenn wir gegen etwas kämpfen, das wir nicht ändern können. Wenn wir eine Eigenschaft von uns oder von jemand anderem nicht annehmen und ständig dagegen kämpfen, vergeuden wir unsere Energie und sind zunehmend frustriert.

Sie empfehlen, dass man das Leben annehmen soll, was es auch immer mit sich bringt. Passt «akzeptieren» in unsere heutige Gesellschaft?

Gerade viele Menschen der jüngeren Generationen leben in der Vorstellung, dass das Leben so läuft, wie sie es gerne hätten, manchmal glaubt man sogar, einen Anspruch darauf zu haben. Akzeptieren ist da ziemlich «uncool», daher ist es ja so wichtig, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Wer nie gelernt hat, etwas anzunehmen, wird gerade im Alter, wenn die Herausforderungen für Akzeptanz grösser werden, ein richtiges Problem bekommen.

Sie sagen, dass man dieses Annehmen nicht aktiv machen kann, sondern dass es sich einstellt. Wie meinen Sie das? 

Wir können uns nicht dazu entscheiden, es ist kein willentlicher Akt. Aber viele Menschen denken das leider. Oft geben wir uns auch gegenseitig eine Empfehlung wie: «Das musst du jetzt aber auch mal annehmen.» Wir tun dabei so, als gäbe es eine Instanz in uns, die sich zur Annahme entscheiden kann. Das ist aber nicht so. Annahme kann sich dann ereignen, wenn ich den Schmerz über das, was es anzunehmen gilt, hinreichend fühle und mich anschliessend vielleicht für eine neue Lebensperspektive öffne.

Was ist der «paradoxe Effekt der Glückssuche»?

Heutzutage wollen wir alle glücklich sein. Viele Menschen lesen Glücksratgeber, um Tipps für mehr Glück zu bekommen. Dabei können wir Glück nicht machen. Studien zeigen sogar, dass wir unglücklicher werden, wenn wir uns zu oft damit beschäftigen, wie glücklich wir gerade sind und was wir tun müssen, um glücklicher zu werden. Im Übrigen finde ich sogar den Begriff «Glück» problematisch. Zufriedenheit ist etwas, das wir durchaus erreichen können, und es ist etwas weniger anspruchsvoll. Denn wenn wir ständig glücklich sein wollen, entfernen wir uns mehr von dem Glück, als dass wir es finden würden.

Warum ist Verdrängen der Trauer nach dem Tod einer nahestehenden Person nicht empfehlenswert?

Trauer läuft meistens auf eine spezifische Art und Weise: Am Anfang gibt es die akute Trauerphase, da kann man sich gar nicht ablenken, weil der Schmerz überflutend ist. In den ersten Tagen nach einem schweren Verlust liest niemand die Zeitung. Später kommt Trauer in Wellen, die mit der Zeit seltener und weniger intensiv werden. Trauerverarbeitung gelingt am besten, wenn wir uns für diese Wellen immer wieder öffnen. Es gibt Studien, die zeigen, dass wir eher depressiv werden, wenn wir Gefühle wegdrücken. Ich hatte schon mehrere Klienten, die depressiv geworden sind, weil sie Trauerprozesse nicht zugelassen haben.

Wird die Fähigkeit zum Akzeptieren aufgrund von (Selbst-)Optimierung und Leistungssteigerung eher abnehmen?

An sich glaube ich tatsächlich, dass unsere Fähigkeit zum Akzeptieren weniger wird, alleine schon deshalb, weil wir so viel selber bestimmen können. In der Corona-Zeit waren wir aber alle damit konfrontiert, dass wir sehr viele schmerzhafte Dinge akzeptieren mussten: die nicht gefeierten Feste, die gestrichenen Ferien, die fehlenden Begegnungen. Und auch wenn das schwer war, ist den meisten Menschen die Akzeptanz dieser Einschränkungen erstaunlich gut gelungen. Ich glaube aber, das liegt vor allem daran, dass die Einschränkungen alle betroffen haben. Stellen Sie sich mal vor, nur Sie dürften nicht mehr ins Restaurant oder zur Familienfeier und alle anderen wären davon nicht betroffen. Das hätten wir natürlich viel schlechter akzeptieren können.

Andreas Knuf hat Psychologie in Trier und Zürich studiert. Nach dem Studium hat er zunächst für einen Kriseninterventionsdienst in München, später in einer psychiatrischen Tagesklinik und neun Jahre für die Schweizer Stiftung Pro Mente Sana in Zürich gearbeitet. Im Jahr 2007 hat er seine Privatpraxis für Psychotherapie in Konstanz eröffnet. Neben seiner Praxistätigkeit ist er Dozent und schreibt Bücher.