Kinderbetreuung zu Hause

«Sie hat uns so gutgetan»

Die vierjährige Malea und der bald zweijährige Aniq geniessen die Zeit mit Charlotte Marthaler, 67. Nicht selbstverständlich, denn die Kinderbetreuerin des Aargauer Roten Kreuzes war für die beiden Kinder vor gut einem Jahr eine fremde Person. Sie ist ein-gesprungen, als die Mutter sich aus gesundheitlichen Gründen wochenlang schonen musste. Warum die Einsätze von Charlotte Marthaler der ganzen Familie in Rüfenach gutgetan haben, erzählt sie uns selber.
Dank der Kinderbetreuung des SRK hat die ganze Familie aussergewöhnliche Wochen gut überstanden und hat gut zurück in den gewohnten Alltag gefunden. Foto: SRK Geri Born

Rüfenach, 3. Mai 2022

Blaues Röckchen mit farbigen Punkten und Streifen: Genau dieses Kleid wollte Malea für den Besuch «ihrer» Charlotte anziehen. Die Vierjährige hat die Tage gezählt. Jetzt ist es endlich so weit. Gespannt wartet sie unten auf der Treppe und bei jedem Klingeln rennt sie die Stufen hoch zur Haustür. Ist sie es jetzt? Endlich – die Augen des kleinen Mädchens strahlen, als Charlotte Marthaler vor der Türe steht. «Meine beiden Kinder lieben Charlotte und konnten das heutige Wiedersehen kaum abwarten», erzählt ihre Mutter, Arnada Böhlen, 43, aus Rüfenach.

Plötzlich auf Hilfe angewiesen

Es war im Sommer letzten Jahres, als Arnada Böhlen am Unterleib operiert wurde. Sie musste sich zwei Monate lang schonen und durfte höchstens sechs Kilo hochheben. «Der kleine Aniq war zu dieser Zeit 18 Monate alt und wog neun Kilo. Ich konnte ihn nicht einmal zum Wickeln hochheben oder ins Bettchen legen», erzählt die Mutter. Diese Zeit der Hilflosigkeit belastete sie. «Ich bin es gewohnt, selbstständig zu sein. Und von einem Tag zum anderen bist du auf andere angewiesen und kannst nichts mehr alleine machen.» Ihr Mann und Vater der beiden Kinder, Thomas Gürber, 37, arbeitet Vollzeit als Automatiker. Zudem absolviert er berufsbegleitend eine anspruchsvolle Weiterbildung an der technischen Fachschule. «Ich habe zwei Wochen Ferien genommen. Doch länger konnte mein Arbeitgeber nicht auf mich verzichten», sagt er. Eltern, Verwandte und Bekannte unterstützten die Familie so gut es ging. Doch der organisatorische Aufwand wurde den Eltern zu viel. Auch für die Kinder war der ständige Wechsel der Betreuungsperson schwierig. «Die Spitex hat mir zwar Unterstützung im Haushalt angeboten. Doch ich brauchte jemanden, der mir mit den Kindern hilft», erzählt Arnada Böhlen, die üblicherweise zwei Tage pro Woche als Lehrerin arbeitet. Durch eine Kollegin wurde sie auf die Kinderbetreuung des Aargauer Roten Kreuzes aufmerksam. «Übers Internet gelangte ich zum Roten Kreuz Kanton Aargau. Es war total unkompliziert. Ich rief an, schilderte unsere Situation und schon ein paar Tage später stand Charlotte vor der Tür.»

Guten Gewissens Hilfe annehmen

Das Schweizerische Rote Kreuz bietet die Dienstleistung Kinderbetreuung zu Hause in der ganzen Schweiz an. Ausgebildete Betreuungspersonen kommen zur Familie nach Hause, wenn sich Eltern in einer Notsituation befinden. Zum Beispiel, wenn sie krank, verunfallt, erschöpft oder überfordert sind. In den meisten Kantonen wird die Dienstleistung auch angeboten, wenn ein erkranktes Kind zu Hause bleiben muss, aber die Eltern arbeiten müssen. Es gibt den Kindern die nötige Sicherheit und Geborgenheit, wenn sie zu Hause betreut werden. Der Stundenansatz richtet sich nach dem Einkommen der Eltern. «Wir waren froh, dass Charlotte für ihren Einsatz bezahlt wird. Gegenüber Verwandten und Bekannten hatten wir manchmal ein schlechtes Gewissen.» Die einkommensabhängigen Tarife finden die Eltern eine faire Lösung. «In unserem Fall hat sogar die Krankenkasse die Kosten übernommen: Dort nachzufragen lohnt sich auf jeden Fall», weiss der Vater.

Einer Fremden vertrauen

Aniq erwacht aus seinem Mittagschlaf. Etwas verdutzt schaut er in die Runde und streckt sofort seine Arme nach Charlotte Marthaler aus. Die ausgebildete Sozialarbeiterin erzählt lächelnd: «Diese beiden bereiten mir viel Freude. Sie sind mir ans Herz gewachsen». Als Rotkreuz-Kinderbetreuerin kümmerte sie sich an zwei Vormittagen pro Woche um Malea und Aniq – über zwei Monate lang. «Liest du mir jetzt noch ein Buch vor, Charlotte?», fragt Malea und zupft ungeduldig am Pulli der Kinderbetreuerin. «Ja sicher, ich habe extra ein paar Bücher mitgebracht», erklärt ihr die 67-Jährige. «Ich beantworte noch ein paar Fragen, dann lese ich dir vor.»

Auch Arnada Böhlen fühlte sich wohl, obschon plötzlich eine vorerst fremde Person im Haus tätig war. «Charlotte und ich, wir sind beide sehr naturverbunden. Gell, Charlotte, auch darum hat das so gut mit uns gepasst?» Diese nickt bestätigend: «Ich bin mit den Kindern jedes Mal draussen gewesen. Egal, bei welchem Wetter. Entweder gingen wir in den Wald oder zum Bauernhof. Welches ist dein Lieblingstier, Malea?» «Die Kühe!», ruft das Mädchen ohne zu zögern. Die Chemie zwischen den beiden Frauen habe gestimmt, bestätigt die Mutter. Das habe sie schon beim ersten Treffen gespürt: «Aber als Charlotte zum ersten Mal mit Aniq und Malea das Haus verliess, wurde mir trotzdem etwas mulmig. Da verlässt eine fremde Person zusammen mit meinen Kindern das Haus. Das war schwer für mich. Ich hielt ständig nach ihnen Ausschau», erinnert sich Arnada Böhlen. «Doch als Aniq und Malea überglücklich, mit verschmutzten Kleidern und roten Backen, wieder nach Hause kamen, war das Eis geschmolzen und das Vertrauen da!

Wenn Einsätze belastend sind

Auch Charlotte Marthaler erinnert sich gerne an die Zeit bei den Böhlens: «Bei dieser Familie ist ein gutes Fundament vorhanden. Den Kindern geht es gut.» Das sei leider nicht überall so, sagt sie nachdenklich. «Es gibt Einsätze bei Familien, welche vielleicht die schwierigste Zeit ihres Lebens durchmachen. Zum Beispiel eine Mutter, in den ersten Wochen nach der Trennung vom Kindsvater. Die Kinder waren traurig und weinten viel. Die Mutter war unglücklich und mit der Kinderbetreuung während dieser schweren Zeit überfordert.» Das sei nicht spurlos an ihr als Betreuerin vorbeigegangen. Bei Bedarf können Mitarbeitende des Aargauer Roten Kreuzes auf Supervisionskurse zählen. Diese persönliche Beratung und den Austausch schätzt die 67-Jährige sehr. Auch ihr Beruf als Sozialarbeiterin, den sie zurzeit noch mit zehn Prozent ausübt, hilft ihr mit schwierigen Situationen umzugehen.

Ein wichtiger Beitrag zur Genesung

Als Arnada Böhlen bewusst war, dass die Kinder draussen mit Charlotte Marthaler gut betreut sind, lernte sie diese erholsamen Momente zu schätzen. Rückblickend unterstützte diese Form der Entlastung ihre gute Genesung, da ist sich die Mutter sicher. Die Stabilität in der Betreuung sowie die Entlastung waren für die ganze Familie ein Geschenk.

«Charlotte, kommst du jetzt?» Malea wagt selbstsicher einen neuen Versuch und packt die Kinderbetreuerin fest am Arm. Lachend folgt ihr Charlotte Marthaler, greift in ihre Tasche und holt ein Kinderbuch hervor. Das blaue Röckchen mit den farbigen Punkten und Streifen verschwindet durch die Tür, nach draussen in den sonnigen Garten.