Wer sind die pflegenden und betreuenden Angehörigen?
S. Morgenthaler: Pflegende und betreuende Angehörige leisten über eine längere Zeit hinweg vielfältige Unterstützung in der Alltagsbewältigung für bedürftige und ihnen nahestehende Personen. Das kann ein Ehemann sein, der seine Partnerin im Alter pflegt, ein Kind, das seine körperlich oder psychisch erkrankte Mutter regelmässig betreut oder mehrere Kinder, die die Betreuung ihrer Eltern untereinander aufteilen.
Und was umfasst die Unterstützung?
Angehörige unterstützen, indem sie Betreuungsarbeiten (einfache Pflege, Einkaufen, Koordination von Terminen etc.) und die Alltagsgestaltung übernehmen sowie emotionale Unterstützung bieten und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Die wohl grösste Unterstützung ist die sehr hohe oder sogar stete Präsenz der Angehörigen.
Was sind die Herausforderungen?
Die Vereinbarkeit von Betreuungsaufgaben mit der Berufstätigkeit und der eigenen Familienarbeit ist herausfordernd. Deshalb haben Angehörige oft das Gefühl, niemandem gerecht zu werden. Herausforderungen, wie beispielsweise nachts aufzustehen, zehrt an den Kräften. Auch Konflikte mit der betreuten Person sind belastend.
Was empfiehlst du pflegenden Angehörigen?
Es gibt Betreuungssituationen, die sich über längere Zeit «einschleichen». Andere entstehen plötzlich durch ein akutes Ereignis. Ich empfehle, in beiden Situationen gezielt innezuhalten und sich diese Fragen zu stellen: Welche Betreuungsleistung ist mir möglich? Und mit welcher Unterstützung? Was ist für mich/uns nicht leistbar? Meist melden sich Angehörige leider erst bei uns, wenn es aus zeitlichen oder körperlichen Gründen zu streng wird oder wenn das Wissen nicht mehr zur Betreuung ausreicht. Einige Angehörige haben Schlafstörungen, vergessen sich selber zu pflegen, gehen selber weniger zum Arzt. Eigene Bedürfnisse werden nicht mehr wahrgenommen. Ich erachte es als absolut notwendig, vom ersten Moment an die Möglichkeiten externer Unterstützung gezielt einzusetzen. Somit kann viel Belastung aus der Betreuungssituation genommen werden und es können Freiräume für die Angehörigen geschaffen werden, womit ihre psychische und körperliche Gesundheit erhalten bleibt. Denn nur, wer zu sich selbst Sorge trägt, kann auch für jemand anderen da sein.
Warum möchten einige keine Hilfe annehmen?
Sehr oft sehen wir ein grosses Pflichtgefühl ihrem Angehörigen gegenüber. Viele haben den Anspruch, es selber schaffen zu müssen. Manche denken, die Betreuung werde durch sie selbst am besten durchgeführt, da sie die Person am besten kennen. Es kann auch ein schwieriger Gedanke sein, dass plötzlich fremde Leute im Haus ein- und ausgehen. Auch ist die finanzielle Belastung, die durch die Inanspruchnahme von externen Betreuungsleistungen anfällt, eine Hemmschwelle. Umso wichtiger ist die Beratung seitens Institutionen auch über die Finanzierung.
Wo und wie finde ich Unterstützung?
Institutionen wie das SRK Kanton Aargau, die Alzheimervereinigung, eine Spitex oder Sozialdienste beraten Angehörige umfassend und über ihre eigenen Dienstleistungen hinaus. Denn oft ist die passende Betreuung ein Zusammenspiel von verschiedenen Institutionen. So könnte zum Beispiel bei der Betreuung einer älteren Person der Mahlzeitendienst eines Altersheims zum Einsatz kommen, die Pflege von der Spitex abgedeckt werden und die Alltagsgestaltung durch den Rotkreuz-Entlastungsdienst.