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«Mut fassen, Herz auftun und empathisch nachfragen»

Neun von zehn Personen* kennen jemanden mit psychischen Problemen und würden gerne helfen. Nur, wie geht das? Einer, der das wissen will, ist Rolf Düggelin (70) aus Scherz. Er hat im Mai 2023 den vom Aargauer Roten Kreuz angebotenen Kurs «Erste Hilfe für psychische Gesundheit» besucht. Im Kurs lernen Laien psychische Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und anzusprechen.
Rolf Düggelin ist seit dem Kurs offener und mutiger geworden, nachzufragen, wenn er merkt, dass es dem Gegenüber nicht gut geht.

Beginnen wir mit der klassischen Frage, wenn sich zwei Personen treffen: Herr Düggelin, wie geht es Ihnen?
Danke der Nachfrage, mir geht es bestens.

Das freut mich sehr. Wie müsste ich aber reagieren, wenn es Ihnen schlecht ginge?
Dann müssten Sie nachfragen, was die Gründe dafür sind. Und Sie könnten mich fragen, was ich brauche oder was mir guttun würde. Auch das Wie ist wichtig. Stellen Sie Ihre Fragen einfühlsam. Werten Sie keine Aussagen. Es soll ein Gespräch auf Augenhöhe sein.

Bevor ich helfen kann, muss ich erkennen, dass jemand in Not ist.
Ja, genau. Im Kurs haben wir verschiedene Anzeichen besprochen. Ein wichtiger Hinweis ist, wenn sich jemand verändert. Wenn jemand zum Beispiel normalerweise sehr aufgeweckt und redselig ist und plötzlich ruhiger wird und sich zurückzieht. Oder wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter im Geschäft plötzlich viele Absenzen hat und ausweichende Antworten gibt. Aber es kann auch sein, dass es äusserlich erkennbar ist, wenn beispielsweise jemand plötzlich eine ungepflegte Erscheinung hat.

Menschen mit psychischen Belastungen möchten oftmals nicht darüber reden. Was kann man da tun?
Man muss den Mut aufbringen, am Ball zu bleiben. Also vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt nochmals einfühlsam nachfragen. So merkt der oder die Betroffene, dass man wirklich interessiert ist an seiner oder ihrer Gemütslage. Gut gemeinte und freundliche Hartnäckigkeit könnte man das nennen.

Welche Kursinhalte waren für Sie besonders hilfreich?
Wir haben Filme geschaut, in denen Situationen mit Menschen mit einer psychischen Krankheit nachgespielt wurden. Als Laie hat man einen guten Eindruck der Krankheiten erhalten. Im Film wurden dann verschiedene Szenarien aufgezeigt, wie man die betroffenen Personen ansprechen sollte, oder eben auch, was man keinesfalls sagen sollte. Daraus sind spannende Diskussionen unter den Kursteilnehmenden entstanden.

Was hat sie bewogen, den Kurs zu besuchen?
Ich habe im persönlichen Umfeld eine Person mit psychischer Erkrankung. Ich wollte wissen, wie ich als Laie sie, aber auch ihre Familie unterstützen kann. Ich arbeite zudem als Mediator und Konfliktberater für Unternehmen. Da interessierte mich das Thema auch aus fachlicher Sicht, denn im beruflichen Umfeld können Konflikte entstehen, wenn die Achtsamkeit für psychische Leiden von Arbeitnehmenden fehlt.

Wie wenden Sie das Gelernte im Alltag an?
Ich bin offener und mutiger geworden, nachzufragen, wenn ich merke, dass es jemandem nicht gut geht. Dies auch, weil ich nun weiss, wie ich es auf eine gute Art ansprechen kann.

Fragen ist das eine, aber wie kann man dann helfen?
Man soll sich überlegen, ob man selbst etwas beitragen kann fürs Wohlbefinden des Gegenübers. Im Kurs haben wir eine Übersicht verschiedener Organisationen, Fachverbände und -personen sowie Selbsthilfegruppen erhalten. Das heisst, es geht auch darum, diese Fachstellen den Betroffenen zu empfehlen und sie zu ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wem können Sie den Kurs empfehlen?
Allen! Denn wir sind in der Firma, im Verein, in der Familie oder im Freundeskreis dauernd von Menschen umgeben. Und so hat automatisch jeder von uns mit Menschen Kontakt, die unter einer psychischen Belastung leiden könnten. Man kann sich dem nicht verschliessen.

Viele möchten helfen, fühlen sich aber überfordert, ihr Gegenüber auf die psychische Belastung anzusprechen. Was raten Sie?
Sich einen Ruck geben, Mut fassen, Herz auftun und einfühlsam nachfragen!

*gemäss einer Umfrage der Stiftung Pro Mente Sana, 2019