Passage – ein Lehrgang in Palliative Care

«Häufig hilft es, einfach da zu sein und zuzuhören»

Marianne Göldlin (62) hat im Herbst 2022 den Lehrgang «Passage» des Aargauer Roten Kreuzes besucht. Die zweifache Mutter erzählt von ihren ersten Erfahrungen als Freiwillige in der Palliative Care und sagt, wie die Berührung mit dem Tod ihr Leben bereichert.
Passage Marianne Göldlin
Marianne Göldlin ist sich ihrer Endlichkeit bewusst und geniesst ihr Leben dadurch umso mehr – wie hier in der Westschweiz.

Marianne Göldlin, wie stehen Sie zu den Themen Tod und Sterben?
Marianne Göldlin: Diese Themen interessieren mich schon lange. Ich finde, als Gesellschaft sollten wir uns mehr damit befassen. Schliesslich betrifft es uns alle – sei es persönlich oder unsere Angehörigen. Wenn wir uns unserer Endlichkeit bewusst sind, können wir unser Leben aktiver gestalten. Davon bin ich überzeugt.

Haben Sie bereits persönliche Erfahrungen mit Tod und Trauer?
Ja, ich habe meinen Schwiegervater und meinen Vater im Sterbeprozess mitbegleitet. Diese Berührungen mit der Endlichkeit waren für mich wichtig. Solche Erfahrungen helfen mir, mit dem Sterben und dem Tod besser umzugehen.

Wieso haben Sie sich für den Lehrgang «Passage» entschieden?
Im Sommer 2023 gehe ich in Rente. Dann habe ich endlich die nötige Zeit, um mich in diesem Bereich vertieft zu engagieren. Weil ich freiwillig in der Palliative Care tätig sein möchte, habe ich den Kurs gemacht.

Welche Erfahrungen haben Sie in den bisherigen Begleitungen als Freiwillige gesammelt?
Sehr vielschichtige. Manchmal bin ich einfach nur präsent. Wir sprechen kaum ein Wort. Diese Ruhe auszuhalten, ist nicht immer einfach. Auch schon gab es anregende Gespräche. Eine Person hat mir vieles von ihrer Familiengeschichte erzählt. Da habe ich gespürt, dass das Bedürfnis nach Reden gross war. Aktives Zuhören war im Kurs auch Thema. Das fällt mir leicht. Häufig hilft es, einfach da zu sein und zuzuhören.
Als Freiwillige in der Palliative Care muss man offen sein. Man weiss nie, welche Situation man antrifft und in welchem körperlichen und mentalen Zustand die Patientinnen und Patienten sind.

Was haben Sie aus dem Kurs mitgenommen?
Ich konnte vieles mitnehmen. Der Kurs war sehr gut und die Dozentinnen und Dozenten brachten alle Erfahrungen aus ihren Bereichen in die Klasse. Wichtig ist sicher, dass man sein Gegenüber zu jeder Zeit ernst nimmt. Auch wenn sie oder er Schmerzen hat oder sich unwohl fühlt. Jeder Schmerz, der geäussert wird, existiert auch. Dem soll man Rechnung tragen.

Wie schaffen wir es als Gesellschaft, diesen Themen den nötigen Platz zu geben?
Damit wir die Gesellschaft verändern können, müssen wir als Individuen den ersten Schritt machen. Ich erzähle gerne in meinem Umfeld von meinen Plänen in der Palliative Care. Bislang waren die Reaktionen immer wertschätzend und positiv. Auch unsere Tochter interessiert sich sehr dafür. Wir führen Gespräche, die wir bislang noch nicht hatten. Das verbindet uns und ist ein schöner Nebeneffekt. Dennoch soll jeder Mensch seinen eigenen Umgang mit dem Sterben und dem Tod finden. Das ist etwas ganz Persönliches. Ich kann lediglich in meinem Umfeld Inputs setzen, die zum Nachdenken animieren. Den Rest überlasse ich jedem Einzelnen.