«Für Angehörige ist das Loslassen besonders schmerzlich»

Geriaterin Dr. Irene Bopp-Kistler erklärt, wieso eine Diagnose bei einer Demenzerkrankung wichtig ist und was wir von Menschen mit Demenz lernen können.

Wieso ist die Abklärung bei einer Hirnleistungsstörung wichtig?
Irene Bopp-Kistler: Vor der Diagnose-Stellung leiden die Betroffenen an ihren Defiziten, die sie nicht richtig einordnen können. Der Kampf um das Verstecken der Symptome ist mit grossem Stress verbunden. Dadurch kann es zu Konflikten mit dem Umfeld kommen.

Wieso hilft mir die Diagnose, auch wenn ich nichts dagegen tun kann?
Die Aussage, dass man nichts machen kann, stört mich immer wieder von Neuem. Es gibt bis jetzt zwar immer noch keine medikamentöse Heilung. Eine klare Diagnose hilft aber, die Lebensqualität zu verbessern. Endlich haben die Betroffenen und das Umfeld Klarheit.

Welche Rolle spielt das Loslassen bei einer Demenzerkrankung?
Demenzerkrankte werden ständig mit dem Prozess des Loslassens konfrontiert: Junge Betroffene müssen schon früh ihre Arbeit loslassen. Das Loslassen vom Autofahren ist ein besonders schmerzlicher Prozess. Auch tut es weh, nicht mehr Alltägliches wie lesen oder jassen zu können. Hinzu kommt, dass man auch seine Selbstständigkeit verliert.

Müssen auch die Angehörigen lernen, loszulassen?
Für die Angehörigen ist der Prozess des Loslassens besonders schmerzlich. Es geht um den Verlust der gewohnten Beziehung. Oft haben sie beispielsweise noch eine Ehefrau, aber keine Partnerin mehr. Sie müssen Träume begraben und erleben jeden Tag eine Beerdigung, ohne dass sie trauern dürfen.

Was kann helfen in diesem Ablösungsprozess?
Man muss das Unwiederbringliche akzeptieren und über seine Gefühle mit dem Umfeld reden. Oft helfen auch Rituale oder eine Angehörigen-Gruppe. Ganz wichtig ist auch, sich von Professionellen unterstützen zu lassen. Angehörige brauchen Auszeiten, in denen sie leben können, ohne mit dem Thema Demenz konfrontiert zu werden.

Was können wir von Menschen mit Demenz lernen?
Ich erlebe Demenzerkrankte immer wieder als unglaublich dankbare Menschen. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie sie mit ihrem Schicksal umgehen. Sie lehren mich, demütig zu sein.

Über Dr. Irene Bopp-Kistler

Irene Bopp-Kistler ist Geriaterin und war während Jahrzehnten leitende Ärztin an der Memoryclinic im Stadtspital Zürich. Seit ihrer Pensionierung arbeitet sie als Demenzspezialistinin einer grossen mediX Gruppenpraxis in Zürich. Sie ist Mitgründerin des Chores für Menschen mit und ohne Demenz (Weischno Chor) und ist Herausgeberin des Buches «demenz. Fakten Geschichten Perspektiven» (rüffer&rub, 2016).