«Eines Tages beschloss ich, endlich vorwärts zu schauen»

Pietro Aurilio liebt seine zurückgewonnene Selbstständigkeit im Rotkreuz-Tageszentrum.
Seit über 30 Jahren lebt Pietro Aurilio mit einer Beeinträchtigung. Der Wunsch nach Selbstständigkeit ist für den gebürtigen Italiener gross. Eine grosse Stütze dabei ist das Rotkreuz-Tageszentrum in Aarau, das er zweimal wöchentlich besucht.

Dass Pietro Aurilio einen schweren Schicksalsschlag erlitten hat, merkt man ihm auf den ersten Blick nicht an. Er ist fröhlich, aufmerksam und sein Lachen steckt an. Seine Augen glänzen besonders stark, wenn ein anderer Gast in der Werkstatt des Tageszentrums in Aarau seinen Rat braucht. «Dann lasse ich mein Projekt liegen und helfe den anderen, das ist selbstverständlich», so der 61-Jährige.

Seit Ende 2019 besucht der in Wohlen Wohnhafte das Tageszentrum in Aarau (TZA) des Aargauer Roten Kreuzes, wo Menschen mit einer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung den Tag mit handwerklichen und kreativen Arbeiten verbringen, gemeinsam kochen und Spiele spielen. Jeden Dienstag und Donnerstag freut sich Pietro Aurilio auf das TZA. «Die Betreuerinnen und Betreuer sind toll. Wenn ich aufgrund eines Termins einmal nicht nach Aarau kommen kann, vermiest mir das die Woche», sagt er und lacht. Als er das Tageszentrum zum ersten Mal besuchte, wollte er gleichbleiben. Vor allem die Werkstatt hat es dem ehemaligen Schreiner angetan. «Momentan arbeite ich an einem Holzherz, das als Lampe dient», erzählt er mit seinem Enthusiasmus.

Seine Lebenseinstellung beeindruckt

Mit 29 Jahren veränderte sich das Leben von Pietro Aurilio vom einen Tag auf den anderen schlagartig. Damals arbeitete er tagsüber als Schreiner und in der Nacht in eine Restaurant. «Ich war so glücklich damals», erinnert er sich. Eines Tages kehrte er nach dem Mittagessen zurück in die Schreinerei und merkte, dass mit ihm etwas nicht stimmte. «Ich konnte nichts mehr in den Händen halten. Es fiel alles zu Boden», so Aurilio. Seine Mitarbeiter reagierten schnell und fuhren ihn in die Notaufnahme. «Ich hatte Glück, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht alleine war», weiss er. Trotz der schnellen Reaktion seiner ehemaligen Mitarbeiter lebt Aurilio heute aufgrund der damaligen starken Hirnblutung mit einer rechtsseitigen Lähmung.

All das ist über 30 Jahre her. Er habe lange gebraucht, die neue Situation zu akzeptieren. Viele Tränen seien geflossen, er war verzweifelt – bis er eines Tages erwachte und beschloss, vorwärts zu schauen. «Natürlich ist es hart, aber wenn ich nicht positiv in die Zukunft blicke, ist mein Leben jetzt schon vorbei», weiss er.

Seine Lebenseinstellung beeindruckt auch Monika Wiederkehr, die Leiterin des Tageszentrums: «Er lebt schon so lange mit seinem Schicksal und hat trotz allem eine solche Fröhlichkeit. Er hat seine Beeinträchtigung in sein Leben integriert und macht das Beste daraus.» Weiter lobt sie seine Rolle im TZA: «Bei den Begegnungen bei uns geht es nicht nur darum, sich am gleichen Ort zu treffen, sondern auch gemeinsam mit den anderen Tagesgästen und uns Mitarbeitenden Projekte für das Tageszentrum zu realisieren. Dabei ist Pietro sehr offen und talentiert. Obwohl er grosse Schmerzen hat, ist er sehr positiv mit sich selber und mit allem, was er macht», so Monika Wiederkehr.

Seine Selbstständigkeit macht ihn glücklich

Selbstständig zu sein und zu bleiben – ein Wunsch, den nicht nur gesunde, sondern auch Menschen mit einer Beeinträchtigung in sich tragen. Im Rotkreuz-Tageszentrum sollen die Tagesgäste selbstwirksam handeln können und gleichzeitig aber auch die nötige Betreuung erhalten. Dass der Besuch die sozialen Kontakte fördert, hat auch Pietro Aurilio erfahren: «Bevor ich regelmässig ins Tageszentrum kam, verbrachte ich viele einsame Tage in meiner Wohnung. Hier geht es mir viel besser», so Aurilio, der von Freiwilligen vom Rotkreuz-Fahrdienst von Wohlen nach Aarau gefahren wird. Obwohl Aurilio alleine wohnt und seinen Alltag bestreitet, träumt er von mehr Selbstständigkeit: «Der Fahrdienst gefällt mir und die Freiwilligen sind sehr nett. Trotzdem wünsche ich mir, wieder selber Autofahren zu können.»

Im TZA konnte er seinem Wunsch nach mehr Selbstständigkeit schnell nachkommen, wie er erzählt: «Am Anfang haben die Betreuerinnen und Betreuer mir intensiv auf die Hände geschaut, wenn ich in der Werkstatt an den Maschinen arbeitete. Heute kenne ich alles auswendig und sie wissen, dass ich mit grosser Aufmerksamkeit handle.»