Frau Kiechle, was bedeutet für das Aargauer Rote Kreuz humanitäres Engagement im heutigen Kontext?
Es bedeutet, Menschen in schwierigen Lebenslagen unbürokratisch und lösungsorientiert zu unterstützen. So rasant sich der gesellschaftliche, digitale und wirtschaftliche Wandel vollzieht, so rasant verändert sich das Gesicht der Not und die Bedürfnisse der Notleidenden. Dementsprechend überprüfen wir fortlaufend die Wirksamkeit und den Nutzen der Angebote für die Bedürftigen und passen sie an.
Die Schweiz verfügt über ein ausgebautes Sozialsystem. Warum braucht es dennoch Hilfswerke wie das Aargauer Rote Kreuz?
Unser Arbeitsalltag zeigt, dass sehr viele Menschen in Armut oder Krankheit durch die Maschen des öffentlichen Versorgungsnetzes fallen. Betroffene erleben, dass sich aufgrund fehlender Gesetze, Angebote und finanzieller Mittel niemand für sie zuständig fühlt. Um solche Versorgungslücken kümmert sich das Aargauer Rote Kreuz. Diese Menschen benötigen fachkundige, unbürokratische Hilfe.
Wo sehen Sie die wichtigsten Unterschiede zwischen der Arbeit eines Hilfswerks und jener von gewinnorientierten Unternehmen?
Bei einem Hilfswerk ohne grosse Aufträge der öffentlichen Hand bewirkt die steigende Nachfrage auch ein höheres Defizit. Bei einem gewinnorientierten Unternehmen steigt bei grosser Nachfrage auch der Gewinn. Da die Klientinnen und Klienten oft keinen kostendeckenden Preis zahlen, werden Restkosten mit Mitgliederbeiträgen und Spenden gedeckt. Auch wenn wir nicht gewinnorientiert sind, muss die nachhaltige Finanzierung natürlich gesichert sein.
Welche gesellschaftlichen Herausforderungen beeinflussen Ihre Arbeit aktuell am stärksten?
Die gesellschaftlichen und familiären Strukturen sind im Wandel. Gesundheitsdienstleister grenzen sich ab, die Nachversorgung wird in den privaten Bereich abgeschoben. Betreuende Angehörige sind oft heillos am Anschlag. Im Aargau stemmen rund 51 000 Personen diese Herkulesaufgabe. Auch hier bieten wir qualifizierte Hilfsangebote an. Das Phänomen Einsamkeit breitet sich zudem in allen Gesellschafts- und Altersgruppen epidemisch aus. Für diese Menschen haben wir diversen Angebote und fördern die integrierende, sinnstiftende Freiwilligenarbeit.
Wie erleben Sie derzeit die Suche nach Freiwilligen?
Viele Organisationen suchen nach Freiwilligen. Interessierte fragen sich vermehrt: «Was bringt mir ein Freiwilligenengagement persönlich?» Wir investieren viel in die professionelle Freiwilligenarbeit. Wir bieten attraktive Angebote für die unterschiedlichsten Kompetenzfelder, Weiterbildungen und Benefits. Der Umfang an Freiwilligenarbeit verteilt sich heutzutage auf mehr Personen. Die Freiwilligen haben neben ihrem Volontariat noch viele Hobbies und Verpflichtungen.
Wie gelingt es Ihnen, Ihre Organisation finanziell nachhaltig aufzustellen?
Die Finanzierung steht auf verschiedenen Pfeilern: Erträge aus den Angeboten, Mitgliederbeiträge, Spenden und weniges aus Finanzerträgen. Diese Mischung ermöglicht uns eine gewisse Stabilität.Die finanzielle Sicherung bleibt aber eine anspruchsvolle Aufgabe. Einer hocheffizienten Arbeitsweise sind wir verpflichtet. Der Wettbewerb um Mitglieder und Spenden ist enorm. Gleichzeitig sind Aufwendungen für die Digitalisierung, steigende Administration aufgrund gesetzlicher Vorgaben und die Anforderungen des Arbeitsmarktes zu tätigen. Der Jahresabschluss 2024 beweist, dass wir dank einer professionellen Belegschaft, sehr motivierten Freiwilligen und dem Vertrauen der Mitglieder und Spendenden eine gesunde finanzielle Balance halten können.